Teneriffa: Klettern am Fuße des Vulkans

Teneriffa: Klettern am Fuße des Vulkans

03/05/2024 Aus Von Martin Wagner

Klettern auf Teneriffa? Von „Das ist doch nix“ bis „richtig gut“ haben wir alles gehört. Aber wie ist es wirklich? Wir haben uns von schlechten Kommentaren nicht beirren lassen und wollten uns ein eigenes Bild machen. Denn ein Argument bleibt unumstritten: Der ewige Frühling auf der Insel. Und genau das war es, was wir suchten. Weg vom ewig schlechtem Wetter im deutschen Winter und hin zur täglichen Sonne, mit Klettern, Strand und Meer…und Vulkan.

 

Die Insel und das Klima:

So wie der Teide Vulkan Teneriffa geformt hat, sind auch die umliegenden kanarischen Inseln entstanden. Und so erheben sich die Inseln auf Höhe der Sahara aus dem Atlantik. Auf diesem Breitengrad kann man also von Sonne und warmen Temperaturen ausgehen. Der Kanarenstrom (kommend vom nordatlantischen Strom) bringt den milden Ausgleich und es herrschen das ganze Jahr über einigermaßen gleichbleibende warme Temperaturen und gutes Wetter.Von Nordosten kommt der Passatwind und bringt hin und wieder ein paar Wolken, welche auch dann und wann etwas Niederschlag mitbringen. Im Süden, wo sich die meisten Klettergebiete befinden, bekommt man davon selten was mit. Deshalb ist der Norden der Insel auch deutlich grüner, als der Süden. Dort ist also fast schon schön Wettergarantie. Wenn jetzt der Vulkan noch kletterbaren Fels hinterlassen hat, dann klingt das auf jeden Fall nach einer idealen Kletterdestination. Nach dazu hat die Insel noch viel mehr zu bieten, dass es einem auch an Ruhetagen nicht langweilig wird oder man sich sogar mehr davon wünscht.

 

Mitte März reisen wir mit zwei Kleinkindern und der Oma als Babyjoker an. Unser Ziel ist es möglichst viel zu klettern und Felsen zu entdecken, und mit dem was die Insel sonst noch zu bieten hat die Kinder und die Oma bei Laune zu halten. Das Tagesprogramm ist also stets gefüllt und startet mit Klettern bis spät Mittags. Es mag zwar nicht zum spanischen Lebensstil passen früh aufzustehen, passt aber umso besser zu vielen der Felsen. Hier ist nämlich vormittags Schatten in der Wand. Und den können wir bei 25-30 Grad gut gebrauchen.Während wir die Sektoren entdecken sind wir jedes Mal aufs Neue fasziniert, wie unterschiedlich die Wände und Strukturen sind. In jedem Sektor muss man sich auf neue Herausforderungen einstellen und kann somit ganz unterschiedliche Routen genießen. Wir konzentrieren uns bei unserer Auswahl auf Sektoren, die für Kinder geeignet sind und unserem Tagesrythmus entsprechen: Vormittags im Schatten klettern.

Die meisten Sektoren befinden sich im Südosten der Insel rund um Arico. Ein paar Sektoren gibt es aber auch der Nordseite. Absolutes Muss für jeden Besuch ist El Capricho im Teide Nationalpark.Durch die sehr gut ausgebaute Autobahn um die Insel ist man schnell um die Insel gekurvt. Auf den Teide oder quer durch das Gebirge sollte man aber etwas mehr Zeit und einen stabilen Magen mitbringen.

 

Arico/Ortiz:

Wir starten also mit dem bekanntesten Klettergebiet der Insel. Die kleine Schlucht oberhalb der Ortschaft Arico bietet einige Sektoren mit fast allen Schwierigkeitsgraden. Der bekannteste Sektor ist mit Sicherheit Gimnasio de Fran, welcher von der Brücke schon gut sichtbarist. Hier finden wir extrem Steile Routen mit Henkeln und Löchern, aber auch diffizile Platten und Risse. Von 6b bis 7c/+ ist alles dabei. Hervorzuheben sind die Henkelausdauerrouten im zentralen Überhang zwischen 7a und 7b+. Sobald es schwerer wird kommen knackige Boulderstellen hinzu. Im gleichen Sektor weiter rechts findet man sogar einige Routen von 8b bis 8c+, welche aber deutlich unattraktiver wirken. Kaum Chalk dafür einzelne gebohrte Griffe wirken auf uns wenig einladend.

 

Weiter unten Reihen sich die Sektoren Fantasmagoria und Pepino ein. In Fantasmagoria gibt es tolle Routen zwischen 6b und 8a, welche aber weniger Beachtung finden als im Gimnasio. Zu Unrecht, denn wir genießen einige tolle Linien. Sektor Pepino gehört bestimmt zu den Topsektoren in Arico. Die Wandstruktur unterscheidet sich dramatisch gegenüber Gimnasio. Risse und Kanten geben die Linien vor, und die Struktur dazwischen sind nur ein paar kleine aber gut griffige Leisten. Hier und da finden sich aber auch gebohrte Griffe, die der fantastischen Kletterei aber keinen Abbruch tun. Routen von 6b+bis 8b erfordern gute Technik.

Alle drei Sektoren sind bis spät Mittags im Schatten. Wer an heißen Tagen klettern will, muss also früh aufstehen. Man beachte außerdem, dass nicht jedes „Tickmark“ zu einem Griff führt. Manchmal wartet am Ende des weißen Streifens auch ein Taube oder deren Hinterlassenschaft. Diese Griffe sind dann eher sch… mierig.

Gegenüber gibt es noch ein paar Sektoren mit Routen im 6ten Schwierigkeitsgrad. Hier finden sich einzelne gute Linien,die eine guteErgänzung zu den gegenüberliegenden Sektoren sind. Die Felsqualität ist aber etwas schlechter.

Im oberen Teil der Schlucht finden sich einige Sektoren mit geneigten und senkrechten Routen im Bereich 4 bis 7a. Ideal für jeden, der es etwas gemütlicher angehen möchte.

In der Schlucht gibt es an jedem Sektor ausreichend Platz, dass Kinder sicher spielen können.

 

El Rio:

Klingt nach Fluss, war es auch mal. In der Schlucht nahe der gleichnamigen Ortschaft fließt nur noch sehr selten Wasser. Umso bizarrer wirkt die Staumauer, die scheinbar schon lange keinen See mehr gestaut hat. Direkt daneben schließt mit Vormittagsschatten der lang gezogen Sektor El Acebuche an. Routen von 5 bis 7c ziehen durch die kompakten Wände. Die Strukturen der Wand zeugen eindeutig von vulkanischem Ursprung, wo sich die Lava Kugelförmig nach außen schält. Leider ist hier für die Kinder wenig Platz zum spielen, weshalbwir weiter nach hinten in die Schlucht gehen.

Weiter hinten im Sektor Galeria und Fondo kommt die starke Klettererfraktion auf ihre Kosten. Während man in Fondo noch einzelne 6bs findet, geht es in Galeria mit 7a los und endet mit 8c, wobei der Großteil der Routen im Bereich 7b bis 8a liegt. Wenn man den Einstiegsbrösel hinter sich gelassen hat, kann man bomben festen Fels und geniale Routen genießen. Auch hier kann man den vulkanischen Ursprung eindeutig sehen. Die meisten Routen sind technisch sehr anspruchsvoll und man kann kaum Geschenke erwarten. Wenn man sich darauf einlässt, wird man aber mit erstklassigen Routen belohnt. Dieses Mal sehen die ganz harten Routen sogar mit am besten aus.

Auch hier gilt frühes Aufstehen für diejenigen, die im Schatten klettern wollen. Sektor Fondo gegenüber kommt ab frühem Mittag in den Schatten. Zwischen den Sektoren und an der Wand gibt es sehr viel Platz zum Spielen für die Kinder.

 

Zona Zero:

Die gleiche Schlucht nur deutlich weiter unten beherbergt einen weiteren großartigen Sektor. Hier finden wir wieder ganz neue Strukturen und Formen. An fast schwarzem Fels ziehen die Linien an Rissen und Kanten nach oben. Gute Technik ist also auch hier unbedingt erforderlich. Platten und Risse sollte man gut drauf haben,um hierabzuheben. Wenn man sich darauf einlässt kann man Routen zwischen 6a und 7c+ genießen. Obwohl ich bisher einen großen Bogen um Risse und Platten gemacht habe, finde sogar hier meinen Gefallen daran.

 

Dieser Sektor ist fast den ganzen Tag im Schatten. Da hier meist ein frischer Wind durch die Schlucht weht, genießen wir die morgendliche Sonne, die aber schon um ca.10 Uhr die Wand verlässt. Die Kinder können aber weiterhin in der Sonne spielen. Platz gibt es auch hier genug.

 

Galeria:

Dieser Sektor wurde uns wärmstens ans Herz gelegt. Lange Ausdauerüberhänge und Schwierigkeitsgrade im französisch 7. und 8. Grad klingen verlockend. Da hier kaum Schatten zu finden ist, scheidet die Wand für uns bei diesen Temperaturen aus. Auch ist direkt an der Wand kein Platz für die Kinder. Wir behalten den Sektor für einen anderen Besuch aber im Hinterkopf.

 

El Capricho:

Hoch oben auf dem Plateau des TeideNationalparks auf über 2000m befindet sich ein einzigartiges Klettergebiet, das keiner verpassen sollte. Wer hier nicht war, hat das Klettern auf Teneriffa nicht vollumfänglich erlebt. El Capricho ist der Ursprung des Kletterns auf der Insel und bietet unglaubliche Felsformationen. In einer Mondlandschaft zwischen Lavaströmen und einer wüstenartige Hochebene blickt man auf den Teidegipfel, der Vulkan,welcher Spaniens höchsten Berg bildet. Am Rande der Hochebene finden sich die skurrilen Felstürme des Klettergebiets. Kaum ein anderes Gebiet kann mit solchen Strukturen und Formen mithalten. Das Beste: Man kann und darf hier klettern. Unzählige Türme und kleine Schluchten bieten unzählige Routen jedem Geschmacks. Dabei kann man sich Sonne und Schatten je nachSeite und Ecke aussuchen. Die anfängliche Schwierigkeit liegt darin, sich in dem Felslabyrinth zurecht zu finden und sich zu entscheiden, welche Route man klettern möchte. Von einfachen 4er Platten bis zu Dächern im Bereich 7b bis 8b+ ist alles dabei. Auch für Boulderer gibt es genug Auswahl. Wir entscheiden uns für ein paar Lange Ausdauerrouten am Turm im Sektor Sexta Dimension, wo auch am meisten Platz für die Kinder ist.

Sollten die Passatwolken oder der Saharawind mit Sanddunst doch mal die Insel einhüllen, findet man hier oben meist strahlend blauen Himmel mit Sonnenschein.

 

Martinez/Puerto de la Cruz:

Die Bilder, Topos und Beschreibung dieses Sektors macht uns Appetit. Mitten in der Stadt im Norden der Insel mit Blick auf Strand und Rooftop Pools befindet sich ein einzigartiges Klettergebiet. Urban, und trotzdem wild mit unvergleichlicher Aussicht. Schwarzer Fels und Routen zwischen 5+ und 8a+ lassen viel erwarten. Angekommen am Aussgangspunkt erfolgt die Enttäuschung. Der Abstiegsweg um an die Felsen zu kommen ist eingezäunt und abgesperrt. Leider bleibt uns nur die Aussicht.

 

Auch wenn das Klettern sehr abwechslungsreich und spannend ist, muss hin und wieder doch mal ein Ruhetag sein. Außerdem hat die Insel neben dem Klettern so viel zu bieten, dass einem sogar bald die Ruhetage ausgehen.

Hier eine Auflistung der Ruhetagsbeschäftigungen, die eigentlich schon zum Must Do der Insel gehören:

 

Insel wandernd erkunden:

Die Insel ist so divers, dass man an jeder Ecke neue Sachen entdecken kann. Trocken und fast schon wüstenartig im Süden, Pinienwälder auf halber Höhe zum Teide, die Mondlandschaft im Teidenationalpark, die beeindruckende Mascaschlucht im Südostenoder die Nebelwälder und rauhe Küste im Anagagebirge mit eigenem Mikroklima ganz im Norden. Die Wanderwege sind sehr gut ausgeschildert und es gibt fast unendliche Möglichkeiten. Besonders das Anagagebirgemöchte ich hervorheben, da es einen starken Kontrast zur Landschaft und dem Klima im Süden rundum Arico bietet.

 

Scuba Diving und Schnorcheln:

Die Unterwasserwelt rundum Teneriffa ist vielfältig und es gibt zahlreiche Tauch-und Schnorchelspots und genauso viele Tauchbasen. Das tropische Klima zeigt sich auch Unterwasser und es sind bunte Fische, Haie, Rochen und Schildkröten zu entdecken. Auch der Vulkan hat seine Spuren hinterlassen und es lassen sich tolle Lavastrukturen mit Tunnels und Höhlen unter Wasser erkunden. Der intensive Wellengang außerhalb der Buchten erfordert einen stabilen Magen.

 

Zoos:

Der Loropark im Norden gilt als der beste Zoo der Welt und wird auf der ganzen Insel groß beworben. Die Erwartungen waren also hoch und wurden auf jeden Fall erfüllt. Von Orca-und Delfinshow bis hin zu Silberrücken, Auqarium und einer fast unendlich großen Papageisammlung ist hier alles geboten. Ein Erlebnis nicht nur für Kinder.

Der Junglepark im Süden ist zwar weniger bekannt, aber ebenso schön und gut wie der Loropark. Die Greifvogelshow ist einmalig und wird durchzahlreiche andere Tiere im Zoo ergänzt. Es lohnt sich also der Besuch beider Zoos auf jeden Fall.

 

Der Monkeypark ist kleiner, aber auch eine nette Beschäftigung für Nachmittags nach dem Klettern. Hier ist man in 1-2 Stunden durch, bekommt aber viele Affenund Vögel zu Gesicht. Für die kleinen ist der Streichelzoo mit hunderten Meerschweinchen (Krokodilfutter) ein Highlight.

 

Aquaparks:

Der Siampark und Aqualand sind das nasse Rutschenparadies. Auch diese gelten als die besten der Welt und sind bestimmt eine Empfehlung wert wenn man sich im Wasser etwas austoben will. Für unsere 1,5 Jahre alten Kinder ist das leider noch zu viel. Aber wir kommen bestimmt wieder.

In Puerto de la Cruz und Santa Cruz gibt es große öffentliche Poolanlagen, falls das Meer mal zu hohe Wellen wirft oder man ein entspannten Pool dem Meer bevorzugt.

 

Botanische Gärten:

Der botanische Garten in Puerto de la Cruz und das Palmetum in Santa Cruz sind lohnende Ziele für alle Pflanzeninteressierte. Hier findet man einige exotische und Inseltypische Palmen, Bäume und Büsche in voller Pracht. Auch hier gilt: Sehr beeindrucken und einen Besuch wert.

Auch der Besuch einer Bananenplantage ist eine unterhaltsame und lehrreiche Beschäftigung. Die Finca las Magaritas bietet täglich Führungen mit Verkostung inseltypischer Produkte an.

 

Strand:

Das es Strände gibt ist ja eh selbstverständlich. Es macht aber Sinn etwas auf die Wellenrichtung zu schauen und sich entsprechend den abgewandten oder geschützten Strand auszusuchen. Die natürlichen Strände haben schwarzen Sand, der sich auch gut zum Sandburgenbau eignet. Im Süden und ganz im NordenPlaya de las Teresitas wurde Sand aus der Sahara angekarrt, damit helle Sandstrände entstehen.

 

Natürliche Pools:

Um die Insel verteilt finden sich einige natürliche Pools zwischen bizarren Felsformationen. Die Wellen spülen immer wieder frische Meerwasser in die Pools. Ein ganz besonderes Erlebnis bei rauher See.

 

Fazit: Das Wetter hat uns nicht enttäuscht, und wir haben den ewigen Frühling tatsächlich gefunden. Wer mitder richtigen Einstellung zum Klettern kommt, findet ein fast unendlichen Spielplatz und erstklassige Routen. Die Insel hat auch für Ruhetage so viel zu bieten, dass es einem so schnell auf keinen Fall langweilig wird. Also Kletterzeug und Badesachen eingepackt und ab in den Flieger.